Zu den Sternen
© Ralph Gerstenberg
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Man müsse die Musik retten, sagte Till. Und er hätte schon eine Idee. Wir saßen in der Künstlergarderobe einer kleinstädtischen Kulturfabrik und ließen einen Joint kreisen. „Scheißmucke“, sagte Konrad.
„Hätte schlimmer sein können“, sagte ich.
„Was meinst ’n damit?“, fragte Freddy.
„Erinnerste dich an das Freiluftkonzert beim Schützenfest in Finsterwalde?“
„Nee, ich meine das, was Till gerade gesagt hat, das mit der Musik, die man retten müsse.“
Till nahm einen tiefen Zug und schaute in die Runde. Damals war mir zum ersten Mal dieses Gurumäßige in seinem Blick aufgefallen, dieser sendungsbewusste Ausdruck eines Visionärs, den wir später noch oft an ihm entdecken sollten.
„Musik“, sagte Till und reichte Freddy den Joint. „Darum geht’s.“
„Klar geht’s darum, wir sind `ne Band und kein Kegelverein.“ Konrad ging um die Ecke auf das Künstlerklo, nach dem die ganze Garderobe roch. Gleich darauf hörten wir es plätschern.
„Musik“, fuhr Till fort, nachdem er einen kurzen Blick ins Universum geworfen hatte. „Es gibt Töne und Sounds, Stimmen und Rhythmen, aber kaum noch Musik.“
„Nun bleib mal auf `m Teppich“, rief Konrad von nebenan, dann rauschte die Spülung.
„Reproduktionen von Reproduktionen“, sagte Till sehr bedächtig. „Zeug, das die Leute gut finden, weil ihnen das von den Medien eingetrichtert wird. Industrielle Massenware, die sie morgen schon wieder vergessen haben. Aber Musik muss eine Geschichte haben und eine Zukunft. Sie muss die Sterne berühren und tief im Boden verwurzelt sein. Eine Straße, ein Zug muss sie sein, ein Blitz in der Nacht.“
„Aha.“ Freddy betrachtete abwechselnd Till und den Joint in seiner Hand.
„Lasst uns rausschauen, ob noch ein paar Bräute da sind“, sagte Konrad, während er sich den mit Nieten besetzten Gürtel seiner Jeans zuzog.
„Und was ist unsere Musik, deiner Meinung nach?“, fragte ich Till und erinnerte mich an die spitzen Keyboardphrasen, mit denen er an jenem Abend ein paar Mal meine Gitarrenriffs torpediert hatte. „Eine Straße, ein Zug, ein Blitz in der Nacht?“
Tills Schulterzucken - das war der Anfang vom Ende unserer Band.
In den nächsten Wochen verliefen die Proben sehr zäh. Konrad, der die meisten unserer Songs schrieb, hatte Liebeskummer und neigte zum inflationären Gebrauch von Moll-Tonarten sowie der Worte „lonesome“, „lost“ und „far away“. Freddy und ich kümmerten uns um ihn. Geduldig hörten wir uns seine düsteren Demos an, taten sogar so, als würden wir sie ernsthaft einstudieren. Hin und wieder machten wir ein paar Verbesserungsvorschläge: Wie es denn wäre, wenn er nicht so häufig „die“ auf „cry“ reimen würde, sondern vielleicht mal „life“ auf „new wife“?
Um Konrad auf andere Gedanken zu bringen, schleppten wir ihn auf Konzerte und Partys. Ein paar Mal versuchten wir ihn mit tätowierten und gepiercten Kunststudentinnen zu verkuppeln – genau die Sorte von Frauen, auf die er normalerweise stand. Freddy ging sogar so weit, sich unter einem Vorwand mit Konrads Exfreundin zu treffen, die inzwischen mit einem Marathon laufenden Arbeitspsychologen zusammen war, um sie davon zu überzeugen, dass sie zu Konrad zurückkehren müsse, weil er sonst zugrunde gehen würde - und unsere Band übrigens auch. Natürlich hatte sie ihm gesagt, dass ihr das scheißegal sei. Außerdem sei sie jetzt zum Jogging verabredet. Nein, Freddy könne nicht mitkommen und sich auf dem Weg noch ein bisschen mit ihr unterhalten.
„Ein ganz verantwortungsloses, kaltherziges Biest“, schimpfte Freddy später im Café. „War die schon immer. Konrad sollte froh sein, dass er die los ist. Weißt du, was die gemacht hat, als ich ihr erzählt habe, dass die Zukunft unserer Band am seidenen Faden hängt?“ Nur mühsam schaffte er es zu warten, bis ich erwartungsgemäß den Kopf geschüttelt hatte. „Gelächelt!“
Till fiel in dieser Zeit nicht weiter auf. Er sprach vielleicht etwas weniger als sonst und kam nicht mehr mit, wenn wir nach den Proben noch ein Bier trinken gingen. Aber wir hatten genug mit Konrad zu tun, um uns über solche Kleinigkeiten zu wundern. „Heute Abend gibt’s wohl noch `n Matratzenprogramm?“, hatte Freddy mal gestichelt, als Till sich vor der Kneipe von uns verabschieden wollte. Doch dann hatte er nicht weiter nachgehakt, weil Konrad schon wieder viel zu lange die Steinplatten am Boden betrachtete.
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